10. jan, 2016

Svetlana Alexijewitsch - SecondHand Zeit

Es passiert oft dass eine - für uns - unbekannte Schriftstellerin oder Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erlangt. So auch in 2015. Wer hatte im Westen je von der Autorin Swetlana Alexijewitsch gehört? Ich nicht .... und trotzdem sind ihre Werke schon in dreissig Sprachen übersetzt worden.

Vorigen Monat las ich "Tsjernobyl, eine Chronik der Zukunft" von ihr. Atemberaubend! Das schmeckte nach mehr.

"Secondhand-Zeit" ist eine Aufzeichnung in 550 Seiten von zwanzig Geschichten von Normalbürgern die zwischen Nostalgie und Neuangang hin und her gezogen werden. Sie sind im Kommunismus/Sozialismus geboren und aufgewachsen und leben jetzt in einer ganz anderen Realität. Die Realität des Wettbewerbs, Kapitalismus und Individualismus. Das Buch ist ein Diorama der neuen russischen Gesellschaft. Das Buch beschreibt die Gewinne und Verluste für die einzelnen Bürger die nicht zu den neuen Reichen gehören. Wer ein Land und seine politische Leitung verstehen will, muss die Menschen die in einem Land wohnen begreifen. Vieles ist während der Perestroika verloren gegangen. Viel hat einen neuen Platz gefunden. Um so älter die Leute sind, um so schwerer fällt es ihnen um sich mit der neuen Lage auseinanderzusetzen. Die schwärmen von einer Vergangenheit die es nicht mehr gibt. Erstaunliches gab es im Buch auch. Der Alkoholkonsum lähmt die Gesellschaft, junge Mädchen schwärmen von einem Ritter auf einem weissen Pferd und heiraten jung, die Russen sind Schicksalbereit und wenig kritisch auf ihren Führer. Helden gibt es mehr als bei uns. Ein Zustand in dem es keinen Krieg gibt ist dort eine Ausnahmezustand. In vielen Hinsichten sind die sowjetischen und post-sozialistischen Menschen auch "ganz normale" Menschen die sich lieben, die streiten und am Küchentisch mit einander diskutieren.

'La condition humaine' durfte in der Sowjet-Union nicht immer fröhlich sein, wenn viele Leuten nur wenig haben gibt es auch keinen Grund für Eifersucht, wenn viele Völker unter einem Dach zusammenleben müssen, gibt es wenig Streit. Mit der neuen Freiheit sind in Russland bestimmt auch neue Problemen gekommen. Alexijewitsch hat keine Angst um die alten und neuen Problemen zu zeigen und darauf hinzuweisen. Sie war politisch nicht aktiv. Sie wollte nur die Tatsachen beschreiben. Dafür erhielt sie dann den Nobelpreis. Vladimir Putin hat sie aber nie gratuliert.