5. sep, 2018

Walter Rauscher: Die verzweifelte Republik Österreich 1918-1922

Am 12. November 2018 ist es genau 100 Jahre her, dass die heutige Republik Österreich entstand. Der junge Kaiser Karl wurde gebeten das Land sofort zu verlassen und auf die Ansprüche auf den Thron zu verzichten. Er starb im Alter von 34 Jahr auf der Insel Madeira.

Man kann sich fragen, ob nicht längst alles geschrieben ist über der Zeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg. Die Antwort ist wahrscheinlich ja. Aber trotz dieser Antwort ist dieses Buch (224 Seiten) nicht überflüssig. Man könnte ja leicht vergessen, dass (auch) die neu gegründete Republik Österreich, als Nachfolger des Anzünders des 1. Weltkrieges und im Schatten des grossen Deutschen Reiches, komplizierte Zeiten erlebte als der Frieden in Europa nach vier Jahren ausbrach.

Holland hat den 1. Weltkrieg nicht mitgemacht. Wir lernten etwas in der Schule über Deutschland, die Besatzung vom Rheinland und den späteren Reparationszahlungen. Über Österreich wurden wir gar nicht unterrichtet. Dieses Buch füllt also eine Leere. Der zweite Grund warum dieses Buch doch aktuell ist, liegt in den Parallelen. Nach jedem grossen Krieg gibt es immer einen fortgeschrittenen Streit über die neuen Staatsgrenzen, über Unabhängigkeit, Wiedergutmachung und dem Wiederaufbau der Wirtschaft. Rache spielt auch gewöhnlich eine grosse Rolle. Und sie bringt üblicherweise nichts. Die Bibel warnte schon davor.

Sehr lesenswert sind die Kapitel über den Wiederaufbau der vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Wirtschaft. Die Griechen und die Europäische Kommission sollten diese Kapitel mal wieder aufschlagen. Es ist ein Wunder, dass eine Revolution ausgeblieben ist, dass Österreich nicht Pleite ging und die staatliche Einheit erhalten blieb.

Aus der Geschichte lassen sich auch Dinge lernen die man aus heutiger Sicht nicht versteht. So versuchte die Provinz Tirol sich Deutschland anzugliedern, Vorarlberg der Schweiz und Kärnten Slowenien. Der Teil östlich von Wien wurde Ungarn entnommen. Südtirol gehörte ab dann wieder an Italien. Preussen, Galizien, Moravien und Böhmen machten sich vom Stammland los. Es gab natürlich auch einen strategischen Zweck um sich abzutrennen. Die Wiener blieben als letzten Verantwortlichen für den Krieg und für den Schadensersatz übrig. Die Hauptstadt Wien konnte sich aber selbst nicht ernähren, es fehlten Kohlen und Devisen. Das Land war zutiefst politisch gespalten zwischen christlich-konservativ-katholisch und sozial-demokratisch. Angst vor den Kommunisten hatten alle. Als die (armen) Juden aus der ehemaligen K&K-Provinz Galizien nach Wien flohen, entstand eine arme (sozialistische) Unterschicht. Die Juden in Wien waren derzeit erfolgreich und mächtig. Der Boden für Antisemitismus wurde gelegt und hat seitdem Jahrzehnte überdauert. Dieser Fremdenhass findet auch heute noch Resonanz in der FPÖ. Die erzkatholischen Leute waren auch nicht immer freundlich zu den Juden. Juden und Sozialisten waren eher Alliierte.

Der Autor, Walter Rauscher, hat dieses Buch nicht vergebens geschrieben. Es kommt zur richtigen Zeit und das nicht nur wegen des 100. Geburtstags der Republik Österreich.

Ich danke Frau Dr. Elisabeth Hofer aus Salzburg für dieses nette Geburtstaggeschenk.